Gedenkaktion zu den "Tagen der Begegnung 2013"

 

Seit inzwischen 15 Jahren entwickelt die internationale Gruppe der 2. Generation, die sich aus Kindern, Enkeln und Urenkeln von ehemaligen Häftlingen des KZ Langenstein-Zwieberge zusammensetzt, Ideen für Gedenkaktionen, die Jugendliche aus der Harzregion mit ihren Worten, Gefühlen und ihrer eigenen Sicht auf die Welt in die Tat umsetzen und ihr Ergebnis zu den jährlich stattfindenden "Tagen der Begegnung" vorstellen.

 

Für dieses Jahr hatte die Gruppe der 2. Generation die Auseinandersetzung mit dem Themenfeld „KRANKHEITEN –ARBEITSUNFÄLLE IM LAGER und ihre FOLGEN“ angeregt.

Annelie Gall, Karl-Louis Münch, Martin Ecke und Max Müller aus der 9.Klasse der Sekundarschule Hagenberg Gernrode; Isabell Jebauer, Jessica Reinhard und Silvana Bollmann, sie besuchen die 12. Klasse der Fachoberschule der Berufsbildenden Schulen „Geschwister Scholl“ Halberstadt, sowie die Studenten Esther Feistauer (Hochschule Madeburg- Stendal), Toralf Nickerl (Hochschule Harz) und Martin Kröber, die in den voherigen Jahren als Schüler bereits beteiligt waren, gestalteten die diesjährige Aktion.

 

Große Unterstützung erfuhren die Jugendlichen bei ihren Nachforschungen von Ieva Zagorska aus Riga. Ihr Vater, der lettische Medizinstudent Miervaldis Berzins-Birze, war von den Deutschen verhaftet worden und sein Weg führte ihn über mehrere KZ-Lager nach Langenstein-Zwieberge, wo er als Sanitäter versuchte, im Krankenrevier den Mitgefangenen zu helfen. Miervaldis Berzins-Birze selbst erzählte seinen drei Kindern nur sehr wenig über seine Erfahrungen im Lager. Erst als Ieva Zagorska die Bücher ihres Vaters las, erfuhr sie von den fast aussichtslosen Versuchen, unter den im Krankenrevier herrschenden katastrophalen Bedingungen Menschenleben zu retten.

Bei ihren Nachforschungen stießen die Jugendlichen auf weitere Zeitzeugenberichte von Überlebenden. So berichtet Josek Vik aus Tschechien von im Stollen verschütteten oder durch herab gefallene Steine erschlagenen Häftlingen, Willi Klug aus Deutschland beschreibt eine Amputation, die an einem Mithäftling ohne Betäubung mit einem Fuchsschwanz vorgenommen wurde, Eugeniusz Rudzinski aus Polen und Paul Le Goupil aus Frankreich erinnern sich an die Bitten von sterbenden Kameraden, deren Angehörige darüber zu verständigen. Alberto Berti aus Italien erzählt davon, wie er nach der Befreiung in das amerikanische Feldlazarett eingeliefert wurde, sein Gewicht 35 kg betrug und bei ihm eine beidseitige Lungentuberkulose diagnostiziert wurde. Und Roger Leroyer und Hélie de Saint Marc aus Frankreich machen deutlich, dass sich die quälende Vergangenheit auch nach der Befreiung so schwer in Worte fassen ließ.

 

Als sich die Schüler mit den Berichten der Überlebenden beschäftigten und Einsicht in die im Lager ausgestellten Todesmeldungen nahmen, fiel ihnen auch auf, dass oft von Krankheiten die Rede war, die ihnen heute kaum noch bekannt sind, wie z.B. Tuberkulose, Typhus, Ruhr, Hungerödeme, Silikose oder Rippenfellentzündung. Die Erkenntnis, dass die meisten dieser Krankheiten mit Antibiotika heilbar gewesen wären, war sehr ernüchternd.

 

Während der Gedenkaktion lasen die Jugendlichen aus diesen Texten und stellten sie in Bezug zu Szenen eines Films, den amerikanische Soldaten in Zwieberge aufgenommen hatten. Die Bilder zeigen im Lager zurückgelassene Tote sowie Kranke, Verletzte und Unterernährte und deren Transport in das Feldlazarett in Halberstadt, wo sie endlich von amerikanischen Krankenschwestern und Ärzten versorgt wurden. Auf diese Weise wurde ein plastisches Bild von den grauenvollen Zuständen im Lager erzeugt, die auf dem heutigen Gelände kaum noch nachzuempfinden sind.

 

Die Beschäftigung mit den Texten hat die jungen Leute sensibel gemacht für das, was Menschen im KZ Langenstein-Zwieberge angetan wurde. Es hat ihnen gezeigt, dass das Erinnern nicht nur geschichtliche Fakten braucht, sondern auch mit dem Herzen begriffen werden muss. Nur so kann daraus folgen, dass sich junge Menschen einmischen, genau hinsehen und sich kritisch mit den gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen - damit die Welt für uns alle besser, gerechter und lebenswerter wird.

 

Dieser Text (Projektbericht Aktion Tage der Begegnung) ist von Lucht/Rosenkranz/Daifi (Projektbetreuer) und ist auch auf der offiziellen Seite des Fördervereins Langenstein-Zwieberge veröffentlicht. Die Aktion fand am 14.4. anlässlich der Tage der Begegnung 2013 statt, in Langenstein am ehemaligen Lagertor, in dessen Nähe auch die Krankenbaracke stand.